Learning Nuggets – Hype oder Swipe?

Die Herausforderung

Sie haben 10 Minuten vor dem nächsten Kundentermin und müssen noch schnell das neue Produktfeature verstehen. Greifen Sie zum 60-seitigen PDF oder zum 3-Minuten-Video?

In einer Welt voller Termindruck und Smartphone-Apps ist unsere Aufmerksamkeit ein knappes Gut. Hier kommen Learning Nuggets ins Spiel – die „kleinen Goldstücke“ der Weiterbildung. Aber sind sie wirklich die Rettung der betrieblichen Lehre oder nur eine nette Spielerei für zwischendurch? Wir werfen einen Blick hinter die 5-Minuten-Fassade und beleuchten mit diesem Blogbeitrag das Konzept, den Nutzen, die typischen Kritikpunkte und Best Practices für den erfolgreichen Einsatz von Learning Nuggets im Unternehmen.

Learning Nuggets: Goldrausch oder harmloses Wissens-Snacking?

Der Begriff „Learning Nugget“ stammt aus dem Englischen und bedeutet übersetzt so viel wie „kleines Goldstück“. Learning Nuggets sind kurze, fokussierte Lerneinheiten, die ein spezifisches Lernziel in stark verdichteter Form vermitteln. In der Regel umfassen sie zwei bis zehn Minuten und konzentrieren sich auf ein einziges Thema oder eine klar definierte Kompetenz. Dabei können Learning Nuggets in ganz unterschiedlichen Formaten umgesetzt werden, wie kurze Videos, Infografiken, Podcasts, Quizmodule, Mini-Textlektionen oder interaktive Micro-Aufgaben.

Im Vergleich zu klassischen E-Learnings oder umfangreichen Lernprogrammen verfolgen Learning Nuggets einen konsequent reduktionistischen Ansatz. Sie eignen sich insbesondere für Situationen, in denen Lernende schnell und gezielt auf eine bestimmte Information zugreifen möchten – etwa kurz vor einem Kundengespräch, einer Präsentation oder der Nutzung eines neuen Tools.

 

Achtung Stolperfalle: gibt es einen Unterschied zwischen Learning Nuggets und Microlearning?

Die Begriffe Learning Nuggets und Microlearning werden im Weiterbildungs‑ und E‑Learning‑Kontext häufig synonym verwendet. Tatsächlich gibt es jedoch inhaltliche und didaktische Unterschiede:

  • Microlearning ist ein didaktisches Lernkonzept,
  • Learning Nuggets sind einzelne Lerneinheiten, die oft innerhalb dieses Konzepts eingesetzt werden.

Die Begriffe werden oft vermischt, weil:

  • Marketing nutzt beide Begriffe austauschbar
  • Tools und Plattformen benennen Nuggets als „Microlearning“
  • Der funktionale Unterschied ist für Nutzer oft nicht sichtbar

Aus didaktischer Sicht ist diese Unschärfe nicht trivial. Begriffliche Klarheit beeinflusst unmittelbar:

  • Lernarchitektur
  • Curriculum‑Design
  • Evaluation von Lernformaten

Warum nur immer wieder diese „5 Minuten“?

Die „5‑Minuten“-Fixiertheit bei Learning Nuggets/ Microlearning hat weniger mit einer didaktischen Naturgesetzlichkeit zu tun als mit einer Mischung aus Psychologie, Marketing, Technologie und Organisation. Kurz gesagt: 5 Minuten sind ein gut verkäuflicher Mythos mit partieller empirischer Basis. Dabei sagt die Forschung nicht, dass Menschen nur 5 Minuten lernen oder aufmerksam sein können – sondern dass überschaubare Lerneinheiten besser akzeptiert werden.

Warum dann trotzdem „5-Minuten-Lernen“?

Psychologische Plausibilität

Fünf Minuten „fühlen sich machbar an“ und senken damit die Einstiegshürden: „Das passt noch schnell zwischen zwei Termine“. Damit kann auf psychologische Momente wie Prokrastination, kognitive Überlastung, oder wahrgenommene Zeitknappheit eingegangen werden.

Mobile & Plattformlogik

Microlearning entstand stark aus Mobile Learning, Kursen mit Karten‑, Feed‑ oder Videoformaten. Vorbild hierfür sind oft Vorbild TikTok, Instagram, YouTube Shorts. Diese Systeme werden von anbieterbezogenen Erwägungen getrieben, wie:

  • Kurze Einheiten funktionieren technisch besser,
  • Fortschrittsanzeigen steigen schneller,
  • Completion Rates sehen besser aus.

Realitäten im Unternehmen

Zeit ist eine politische Ressource und damit unter Rechtfertigungsdruck. Fünf Minuten bedeuten:

  • Keine/weniger Freigabeprozesse
  • keine Terminblocker
  • kein/weniger Widerstand von Führungskräften.

Marketingversprechen & Verkaufsrhetorik

Wer kennt das nicht zur Genüge: „In nur 5 Minuten lernen Sie …“ ist ein typisches niedrigschwelliges Versprechen. Damit soll Anwendern ein leicht verdauliches Angebot gemacht werden. „Keine Angst“, „schrittweise“, „skalierbar“ sind typische Schlagwörter, die in diesem Kontext verwendet werden.

Komplexe Wahrheiten verkaufen sich nämlich schlechter, etwa: „Manche Inhalte brauchen 12 Minuten Input plus 15 Minuten Übung.“

Die 5‑Minuten‑Fixierung ist damit:

  • psychologisch clever,
  • organisatorisch praktikabel,
  • technologisch anschlussfähig.

Deswegen sollte das 5-Minuten-Lernen nicht als eiserne Regel verstanden werden, sondern als Bereicherung der didaktischen Möglichkeiten.

 

Wissen mit Gold aufgewogen: warum Learning Nuggets heute so gefragt sind

Die Popularität von Learning Nuggets ist kein Zufall. Sie erfüllen gleich mehrere Anforderungen, die moderne Lerner, aber auch Unternehmen heute an berufliche Weiterbildung stellen. Was wären denn so die Vorteile?

Flexibilität und Zeitersparnis

Learning Nuggets sind so konzipiert, dass sie ohne großen Zeitaufwand konsumiert werden können – auf dem Weg zur Arbeit, in kurzen Pausen oder unmittelbar vor der praktischen Anwendung des Wissens.

Just-in-Time-Lernen

Learning Nuggets ermöglichen es den Nutzern, Wissen exakt dann abzurufen, wenn es benötigt wird. Dieser Ansatz – oft als Performance Support bezeichnet – ist besonders effektiv, da Lerninhalte direkt im Anwendungskontext verankert werden.

Reduzierte kognitive Belastung

Die kognitive Psychologie zeigt, dass Lerner Wissen besser aufnehmen und behalten, wenn Inhalte in kleinen, verdaulichen Portionen vermittelt werden. Dieser Grundsatz, bekannt als „Chunking“, bildet die Basis für Learning Nuggets.

Mobile Nutzung und Multi-Plattform-Fähigkeit

In einer Arbeitswelt, die zunehmend mobil erfolgt, müssen Lernangebote auf Smartphones, Tablets und Laptops gleichermaßen funktionieren. Learning Nuggets sind durch ihre kurze, kompakte Struktur perfekt für mobile Endgeräte geeignet.

 

Wo kein Licht, da auch kein Schatten –gibt es Kritikpunkte an Learning Nuggets?

So überzeugend das Konzept auf den ersten Blick erscheint: Learning Nuggets sind kein Allheilmittel. Sie weisen einige typische Schwachstellen auf, die bei der Konzeption und Implementierung berücksichtigt werden müssen, nämlich:

Gefahr der Übervereinfachung

Durch die starke Reduktion auf das Wesentliche besteht das Risiko, dass wichtige Zusammenhänge unter den Tisch fallen. Komplexe Themen lassen sich nicht immer in drei bis fünf Minuten erklären. Wenn Lerninhalte zu komprimiert dargestellt werden, kann dies zu Missverständnissen oder oberflächlichem Wissen führen.

Mangelnde Nachhaltigkeit ohne Kontext

Ein Learning Nugget kann wertvolle Impulse liefern, doch ohne die Einbettung in einen größeren Lernkontext läuft es Gefahr, isoliert zu bleiben. Lernende benötigen häufig weiterführende Materialien, Austausch oder praktische Übungen, um das Wissen langfristig zu behalten und anwenden zu können.

Fragmentierung des Wissens

Wenn Learning Nuggets ohne klaren didaktischen Rahmen eingesetzt werden, kann dies zu einer Zersplitterung der Lerninhalte führen. Lernende erhalten zwar viele Informationshäppchen, erkennen aber möglicherweise den Zusammenhang nicht.

Missverständnisse im Unternehmen

Manche Organisationen setzen Learning Nuggets ein, um Weiterbildung „abzukürzen“ oder vermeintlich effizienter zu gestalten. Doch ohne klare Lernstrategie und Zieldefinition verlieren Nuggets ihre Wirksamkeit.


Exkurs:

Was wir als Uhlberg bisher aus Projekten gelernt haben

Learning Nuggets wurden in den unterschiedlichsten Formaten erstellt. So zum Beispiel als kleine Wissenshelfer auf Mobilgeräten in KundenserviceSituationen, als begleitende Push-Nachricht mit Reparaturhinweisen beim Auslösen eines Serviceauftrags, oder als Verkaufsunterstützung.

Hier tauchen die Learning Nuggets auf, als beispielsweise:

  • Quizze in Form von Single/Multiple Choice, True/False, Kurze Reflexions oder Anwendungsfrage u.ä.
  • HowtoChecklisten decken typische Anwendungsfälle ab wie Geräteeinrichtung, Standardprozesse, OnboardingAbläufe, oder Sicherheits und Qualitä
  • OnePager mit Grafiken oder Infografiken, die einen Workflow, eine Richtlinie oder ein Prozessmodell zeigen.

Unternehmensweite Intranet-basierte Lerneinheiten, die sich auf Arbeitsschutzmaßnahmen beziehen, oder allgemeine Compliance-Regeln schulen, werden von Kunden regelmäßig nachgefragt und sind oftmals gar nicht mehr unter dem Kapitel „Lernen“ zu finden. Das liegt teils an der technischen Infrastruktur, in der sie betrieben werden, teils daran dass sie ganz unauffällig in den Betriebsablauf integriert sind.

Thematisch führten uns die Kundenanforderungen häufig zur Verkaufsunterstützung, Servicefragen, Reparaturhinweisen, Compliance und Kundeninformation mit didaktischem Hintergrund.

Learning Nuggets werden am häufigsten in Unternehmensbereichen, die nach schnell und einfach zugänglicher Wissensunterstützung benötigten, wie Verkauf, Service, Reparaturdienste, u.ä. eingesetzt. Diese werden methodisch entweder als einzelne Lerneinheiten innerhalb eines Themenkreises verwendet, oder zu Curricula zusammengebaut, die zu beachtlicher Länge anwachsen können. Und nicht zu vergessen: Learning Nuggets sparen Zeit auf Nutzerseite – aber nicht zwingend auf Produktionsseite.


Sollen bestehende WBTs nachträglich in Learning Nuggets umgewandelt werden?

Gelegentlich gibt es die Anfrage, ob man denn bestehende, monolithische Lernmodule zu kleineren, besser verdaulichen, herunterbrechen sollte. Rein technisch ist das nicht zu empfehlen, weil der Aufwand normalerweise den Lern-Gewinn übersteigt; dennoch kann es z.B. politische Gründe geben, es dennoch zu tun. So kann es sich um einen Einstieg ins Learning-Nugget Geschäft handeln und man will mit einem bestehenden Kurs anfangen. Das ist insofern sinnvoll, als man dann eine vorher-/nachher- Erfahrung machen kann.

Nicht vergessen sollte man dabei aber:

  • Drehbücher nachträglich anzupassen und z.B. aus einem Kurs mit 30 min Laufzeit zehn Kurse je 3 min zu erstellen, bedeutet Aufwand;
  • Die Kurse wieder in eine sinnhafte Einheit auf dem LMS zusammenzubauen, erfordert mehr als nur das Zusammenpinnen unter dem Titel eines Lernpfads;
  • Sprachversionen (und hier sprechen wir oft von 10 – 30 Versionen) stellen den Großteil der Umbaumaßnahmen und damit der Kosten dar.

Und wehe, es gibt Nacharbeitsbedarf im Produktionszyklus! Ein falsch eingebautes Logo, das in allen Nuggets und in jeder Sprachversion nachkorrigiert werden muss, hat das Potential jegliches Budget zu versenken! Letzteres gilt auch für die Neuproduktion von Learning Nuggets.

 

Was ist die empfohlene Produktionsstrategie für Learning Nuggets?

Merkwürdigerweise haben wir bei der Literaturrecherche für diesen Beitrag kaum irgendwo Hinweise gefunden, die auf Produktionsweisen, sprich die praktische Umsetzung von Learning Nuggets, eingehen. Das nährt den Verdacht, dass mit dem Thema „Learning Nuggets“ schnell theoretische Weisheiten verbreitet werden, ohne fürs tägliche Tun Hilfestellung zu leisten.

Wie bereits weiter oben erläutert, steigert das Konzept der Learning Nuggets die Produktionskosten ebenso wie die Verwaltungsaufwendungen teilweise enorm. Daher: nur, um à-la-mode zu sein, dafür sind Learning Nuggets zu teuer. Verständlicherweise empfehlen wir, Learning Nuggets nur da einzusetzen, wo sie eine didaktische Bereicherung darstellen, keine traditionelle Alternative bieten, oder Lernen bei gleichbleibender Qualität wirtschaftlicher machen. Daher steht am Anfang jeden Learning Nugget-Projektes eine Nutzenanalyse.

 

Einwirkungen von KI auf Learning Nuggets

Wenn man sich vor Augen hält, dass Learning Nuggets physisch kleine Einheiten sind, wird klar, dass sie prinzipiell den gleiche Produktionsprinzipien unterliegen wie jede andere digitale Lerneinheit auch. Sie sind didaktisch zwar etwas anders ausgestaltet und i.d.R. monothematisch, aber bedürfen aller Produktionsschritte, die für ein WBT gelten.

Wir stellen unter dem Eindruck von generativer KI im Zusammenspiel mit agentischer KI fest, dass sich die Regeln ganz allgemein ändern. So kann sich z.B. ein Agent im Dialog mit dem Lerner aus einer thematisch und physisch abgegrenzten Datenbank ad-hoc die benötigten Informationen holen und sie anhand eines standardisierten Prompts in eine Lerneinheit umwandeln. Es wird also in dynamischer Form ein spontan geäußerter Lernwunsch bedient – perfektes „learning-on-demand“.

In der Folge wird sich also die Produktionsstrategie eines Learning Nuggets dramatisch ändern.

 

Was wir daraus als best-practice Empfehlungen ableiten

Damit Learning Nuggets ihr Potenzial entfalten können, müssen sie sorgfältig geplant und sinnvoll in die Lernarchitektur eingebettet werden.

1. Ein Nugget = ein Lernziel

Der Fokus auf ein einziges Thema ist entscheidend. Nur so bleibt der Inhalt klar, verständlich und gut verdaulich.

2. Integration in ein Gesamtkonzept

Learning Nuggets entfalten ihre stärkste Wirkung, wenn sie Teil eines umfassenden Lernpfades sind. Dazu gehören ergänzende Trainings, Coaching, Reflexionsphasen oder Blended-Learning-Formate.

3. Praxisnähe und Relevanz

Learning Nuggets müssen direkt an der Arbeitsrealität orientiert sein. Relevanz ist der wichtigste Motivationsfaktor.

4. Wiederholung einplanen

Einzelne Nuggets können schnell vergessen werden. Durch regelmäßige Wiederholung und gezielte Sequenzen wird der Lerntransfer deutlich verbessert.

5. Erfolgsmessung und Feedbackschleifen

Kurze Checks, Monitoring-Tools und Nutzerfeedback helfen dabei, die Qualität kontinuierlich zu verbessern.

 

Fazit

Learning Nuggets sind weit mehr als nur ein Trend. Sie sind ein wertvolles Instrument, um Lernen flexibel, effizient und nachhaltig zu gestalten. Richtig eingesetzt – eingebettet in ein durchdachtes Lernökosystem – können sie Mitarbeiter stärken, Lernkulturen fördern und Unternehmen helfen, den Anforderungen einer modernen Arbeitswelt gerecht zu werden. Gleichzeitig ist es wichtig, die Grenzen dieses Formats zu kennen. Nuggets ersetzen kein tiefgehendes Lernen, aber sie sind ein kraftvolles Werkzeug, um Wissen zugänglicher, verständlich und alltagsnah zu machen. Schließlich profitieren auch die Unternehmen davon in Form von besser geschulten Mitarbeitern und wirtschaftlich eingesetzten Ressourcen.

Die Entwicklungen unserer Zeit sollten unsere Aufmerksamkeit vor allem in Richtung KI-Applikationen lenken, weil aus den kürzlich gemachten Erfahrungen von Uhlberg Advisory Learning Nuggets in einigen Anwendungsbereich vermutlich einer starken technologisch bedingten unterliegen werden. KI ist ein klarer Disruptor auch in diesem Bereich und wird das klassische Nugget stark verändern. Inwiefern, bleibt vorerst dem Überraschungsmoment des Technologiewandels vorbehalten.

Bereit für den Goldrausch – aber mit Plan?

Learning Nuggets sind mehr als nur „kurze Videos“. Sie sind ein strategisches Werkzeug, das nur dann wirkt, wenn die Chemie zwischen Didaktik und Technik stimmt. Stehen Sie vor der Herausforderung, Ihre Lerninhalte zu flexibilisieren oder fragen Sie sich, wie KI Ihre Wissensvermittlung revolutionieren kann?

Lassen Sie uns gemeinsam prüfen, wo Learning Nuggets in Ihrem Unternehmen den größten Hebel haben. Jetzt unverbindliches Beratungsgespräch vereinbaren.

Mehr zu Learning Nuggets finden Sie auch in unserem Lexikon.

Links zu Learning Nugget-Anbietern

Wer mehr wissen will, findet unter den folgenden Links Anbieter, die sowohl Produktion als auch Schulungen mithilfe von Learning Nuggets anbieten.

https://www.5mins.ai/

https://quickspeech.at/produkt/

Youtube Angebote unter dem Begriff: youtube how-to Filme „Learning Nuggets“

https://skill5.com/academy

https://eduquik.com/micro-moments-of-learning-how-5-minutes-a-day-can-transform-a-students-skillset/

 

Impressum Datenschutz